Objekt des Monats Juni 2016

Foto Leichentram

Leichentram
Inv.Nr. BFM-230
Fotografie (Reproduktion)
17,5 x 23,5
Nach 1945

1918 bis 1928 sowie im Zweiten Weltkrieg wurden in Wien Verstorbene auch mit der Straßenbahn transportiert.

Ab dem 1. März 1918 bestanden solche Tramway-Verbindungen zwischen dem Versorgungsheim und dem Jubiläumsspital in Lainz sowie von der Pflegeanstalt am Steinhof und dem Allgemeinen Krankenhaus zum Wiener Zentralfriedhof. Im Dezember 1918 wurde auch das Anatomische Institut der Universität einbezogen.

Personenwägen der Städtischen Straßenbahnen waren die Basis dieser Leichentram. Schwarz lackiert und mit einem weißen Kreuz versehen, konnte der umgebaute Waggon der Type le Nr. 7031 zwölf Särge fassen. Diese wurden jeweils in ein eigenes Abteil eingeschoben. Gezogen wurden die Leichentram von regulären roten (Personen)Triebwägen.

Die Idee einer Leichentram gab es bereits in den 1880er-Jahren. Im Ersten Weltkrieg wurde der Plan schließlich umgesetzt. Denn die Distanz von den Spitälern im Westen Wiens bis zum Zentralfriedhof am anderen Ende der Stadt war zu groß für die hungernden Pferde der Bestattung. Fahrtüchtige LKWs hatte die Armee eingezogen.

Der Transport kostete 1920 für Särge bis zu einem Meter Länge 370 Kronen, für größere Särge 450 Kronen. Bis 1928 waren über 33.000 Verstorbene mit dem ungewöhnlichen Verkehrsmittel zu ihrer letzten Ruhestätte gebracht worden – dann wurde der Wagen ausgeschieden.

In Kriegs- und Krisenzeiten transportierten Wiens Straßenbahn aber nicht nur Verstorbene. Es gab auch Lazarettbeiwägen, die Verwundete und Kranke von den Bahnhöfen zu den Spitälern brachten. Kohle wurde ebenso geführt wie Lebensmittel, vor allem Erdäpfel - die teilweise vom Waggon weg an die notleidenden WienerInnen verkauft wurden.

Ab Oktober 1939, wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, rollte erneut eine Leichentram durch Wien. Es gab drei verschiedene Waggons (Type gmL Betriebsnummer 7063, Type Le Betriebsnummer 7032, Type Le1 Betriebsnummer 7033), die aber recht unauffällig waren. Schwarz oder grau lackiert, Kastenwagen oder Planwagen - die Plane konnte abgerollt werden -, fassten diese Wägen je 20 Särge. 

40 Reichsmark verrechnete die Städtische Straßenbahn der Städtischen Bestattung für jeden Sarg- oder Leichentransport. Gefahren wurde nicht mehr tagsüber, sondern weitgehend in der Nacht. Auf der Fahrt zu den Spitälern stoppte die Leichentram bei der Sargerzeugung und lud leere Särge ein.

Bis zu den letzten Kriegstagen war die Leichentram im Einsatz. Dann zerstörten Fliegerangriffe das Schienennetz und die WienerInnen mussten ihre Toten sogar in Parks oder Gärten bestatten. Bombentreffer beschädigten auch zwei Leichenwaggons schwer. Der dritte wurde, umgebaut, aber noch immer schwarz lackiert, bis in die 1960er-Jahre im Personentransport verwendet.

Text: Helga Bock, Abbildung: © Wiener Linien