Objekt des Monats Juni 2019

Objekt Juni 2019 Aufruf

Anschlagzettel
Inv.Nr. BFM-953
Druck auf Papier
47,5 x 56,5 cm
1874 (?)
Druck: P. Lutschansky, Wien

Aufruf!

An die Besitzer von Grüften u. eigenen Gräbern. 

Der Gemeinderaths-Beschluß, daß auch die Beilegung von Leichen, so lange es der Raum erlaubt, nicht stattfinden darf, hat unter den Besitzern von Grüften und eigenen Gräbern das größte Mißfallen und Erbitterung hervorgerufen.

Es hat sich ein Comite gebildet, welches es unternehmen will, alle gesetzlichen Schritte einzuleiten, um die Weiterbenützung Ihrer Gräber und Grüfte, so lange es der Raum gestattet, zu erlangen.

Es werden alle Besitzer von Grüften und eigenen Gräbern aufgefordert, behufs Erlangung ihres Rechtes gemeinschaftlich vorzugehen, und zur Unterzeichnung hiermit höflichst eingeladen.

Das Comite befindet sich IX. Bezirk, Nußdorferstraße Nr. 23

Hotel Union

Zu sprechen von 10 bis 4 Uhr

 

Mit der Eröffnung des Wiener Zentralfriedhofs war geplant, mehrere bis dahin genützte Wiener Friedhöfe zu schließen. Dagegen regte sich heftiger Widerstand.

Am 10. Oktober 1874 war vom Wiener Magistrat die Schließung der „alten Friedhöfe“ angekündigt worden. Dabei handelte es sich primär um die so genannten Vorortefriedhöfe: Hundsturmer Friedhof, Friedhof Matzleinsdorf, Friedhof St. Marx, Friedhof auf der Schmelz und Währinger Allgemeiner Friedhof. Sie lagen „ausser den Linien“, also außerhalb des heutigen Straßenzugs „Gürtel“. 

Diese fünf Vororte-Friedhöfe waren 1784 eröffnet worden.  Denn Kaiser Josef II. hatte verlangt, alle Grüfte und Friedhöfe innerhalb der Ortschaften zu schließen und Gottesäcker in weniger dicht besiedelten Gebieten einzurichten. Die „freie und gut ventilierte Peripherie“ außerhalb der Stadt kam den hygienischen Vorstellungen des aufgeklärten Herrschers entgegen. 

Der Wiener Zentralfriedhof sollte diese nicht einmal ein Jahrhundert alten Gottesäcker ersetzen. „Eine Anzahl von Besitzern von eigenen Gräbern und Grüften“ erhob Beschwerde. Sie wollten, dass schon bestehende „eigene Gräber und Grüfte“ auf den Vorortefriedhöfen weiter belegt werden können. Neben „eigenen Gräbern" gab es auch Schachtgräber: Massengräber, wo gleichzeitig Dutzende einander unbekannte Personen beigesetzt wurden.

Mit Hilfe des hier vorgestellten Plakats luden die Aktivisten ein, sich an rechtlichen Schritten zu beteiligen. Zur Unterschriftenaktion wurde in das Hotel Union in Wien 9, Nussdorfer Straße 23, gebeten. Die Herberge war 1873 für die Wiener Weltausstellung als eines der elegantesten Hotels Europas errichtet worden. Heute ist im Gebäude der Wiener Integrationsfonds untergebracht.

Der Wiener Magistrat schaltete gegen den Widerstand der Grabbesitzer die k.k. niederösterreichische Statthalterei ein. Sie entschied am 22. Dezember 1874, dass „eine weitere Beilegung von Leichen in die eigenen Gräber der fünf Wiener Friedhöfe im Interesse der öffentlichen Sanität nicht gestattet werden könnte. Die Beilegung von Leichen in die in diesen Friedhöfen bestehenden Grüfte innerhalb einer Zeitfrist von fünf Jahren [vom 1. November 1874 an gerechnet]“ wurde jedoch unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt.

Die Friedhöfe wurden also nicht gänzlich geschlossen. Auch 1888 sah man noch von einem definitiven Beschluss zur Auflassung und Räumung ab, weil weiterhin eine große Zahl von Grüften und eigenen Gräbern von den Familien erhalten und geschmückt wurden. Kurz vor 1900 wurde schließlich entschieden, die (aufgelassenen) Friedhöfe zu erhalten und in Parks umzuwandeln – was in den 1920er-Jahren umgesetzt wurde.

Nur der St. Marxer Friedhof wurde nicht geräumt und ist in seiner einstigen Pracht zu bewundern. Auf diesem einzigen Biedermeier-Friedhof der Welt liegt Mozart begraben – allerdings weiß man nicht genau wo. Ein hübsches Monument eines an eine Säule gelehnten Engels markiert die vermeintliche Grabstelle.

Erhalten sind auch Grabsteine von VIPs, die einst auf Vorortefriedhöfen beigesetzt waren: so jener von Joseph Haydn im Haydnpark, ursprünglich der Hundsturmer Friedhof. Der Komponist fand seine allerletzte Ruhestätte in der Bergkirche in Eisenstadt.

Text: Helga Bock, Abbildung: B&F Wien/Bestattungsmuseum