Objekt des Monats April 2019

Myrtenkranz für ledig Verstorbene

Totenkranz
Inv.Nr. BFM-132
Messing, versilbert, auf Kissen aus blauem Samt
16 x 22 x 9 cm
Spätes 19. Jh.

„Bei Verstorbenen ledigen Standes ist die gesamte Drapierung blau mit Silber und wird überdies noch ihnen zu Häupten auf ein mit Silber verziertes Piedestal ein weißes, mit Gold bordiertes Atlaskissen und darauf ein Myrtenkranz gelegt.“ So beschreibt das Zeremoniell der 1907 gegründeten Gemeinde Wien – Städtische Leichenbestattung, heute die Bestattung Wien, eine Aufbahrung der Pracht-Klasse für unverheiratet Verstorbene.

Das hier vorgestellte, fein gearbeitete Kränzchen aus versilbertem Messing ist ein solcher Myrtenkranz. Die frühesten Totenkränze stammen aus der Zeit um 1600. Bis ins 20. Jahrhundert blieben sie populär. Nicht nur unverheiratete Mädchen oder Frauen wurden damit ausgezeichnet – sondern auch Buben.

Die Myrte, im Mittelmeerraum zu Hause, gilt seit der Antike als Symbol der Keuschheit, Reinheit und Fruchtbarkeit. Diese Rolle verdankt die immergrüne und bis zu vier Meter hohe Pflanze ihren zarten Blättern und Blüten sowie ihrem lieblichen Duft. Die Myrte war ein beliebter Brautschmuck.

Totenkränze und Brautkränze ähneln einander auch von der Form: Denn erstere waren ein symbolischer Ersatz für die Ehe, die ledig Verstorbenen im Leben verwehrt geblieben war. Fallweise wurde der Totenkranz auch wie ein Brautkranz auf den Kopf gesetzt.

Abgesehen von Totenkränzen für Ledige waren im ausgehenden 19. Jahrhundert weitere Bekrönungen für Tote üblich: Eichenlaubkränze für verstorbene Militärs, Lorbeerkränze für Künstler oder Wissenschafter. Totenkränze konnten nur bei der Aufbahrung eine Rolle spielen oder aber sie wurden auch ins Grab mitgegeben.

Es gab sie aus dauerhaften ebenso wie aus vergänglichen Materialien. Objekte wie der hier vorgestellte kunstvoll gearbeitete Kranz gehörten zum Inventar eines Bestattungsunternehmens und wurden mehrfach eingesetzt. Aber es gab auch Kränze aus frischen Zweigen und Kräutern.

Ein Totenkranz ist eine Variante einer Totenkrone. Solche waren in weiten Teilen Europas verbreitet, insbesondere aber im deutschsprachigen Raum. Eine besondere Form der Totenkronen sind Funeralkronen. Dabei handelt es sich um Nachbildungen historischer Kronen. Sie wurden bei Begräbnisfeierlichkeiten aufgestellt und demonstrierten den Rang der Fürsten.

Der Myrtenkranz des Bestattungsmuseums liegt auf einem blauen Samtpolster. Die Farbe Blau als Alternative zur Trauerfarbe Schwarz hatte sich in Wien mit der Gründung privater Leichenbestattungsunternehmen ab 1867 für Unverheiratete entwickelt: Kinder, Jugendliche und Ledige auch hohen Alters. Es gab blaue Schärpen für Sargträger, blaue Bahrtücher, blaue Kinderleichenkutschen und Todesanzeigen mit himmelblauem Rand.

Text: Helga Bock, Abbildung: B&F Wien/Harringer