Objekt des Monats März 2019

Sterbetabelle Wien, Mai 1785

Sterbetabelle
Inv.Nr. BFM-265
Papier, Tinte
32,5 x 41,3 cm
Wien, 1785

„Monatliche Sterbetabelle aus dem Todtenbeschreibamt der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien im Monat May 1785“: Das vorgestellte Blatt ist ein Vordruck, in den die Mitarbeiter des städtischen Totenbeschreibamtes in Wien monatlich sorgfältig diverse Daten zu Sterbefällen eintrugen.

Alter, Geschlecht und Religion sowie vor allem die Todesursache von 1.047 Verstorbenen sind der Tabelle zu entnehmen. Diese Angaben wollte der damalige Kaiser Joseph II. für die Optimierung von Gesundheitseinrichtungen nützen. Er hatte auch das Wiener Allgemeine Krankenhaus gegründet.

Die Todesursachen wurden in sieben Kategorien aufgesplittet und diese meist nochmals gegliedert. Nicht wenige der genannten „Krankheiten“ sind historische Krankheitsbezeichnungen beziehungsweise aus heutiger Sicht nur Krankheitssymptome.

„Kopfkrankheiten“ unterteilte die Sterbetabelle in „Kopfapostem“, also ein Kopfgeschwür, Schlag sowie Fraisen, einst eine Bezeichnung für krampfartige Anfälle inklusive Epilepsie, mit Abstand die häufigst genannte Todesursache laut Sterbetabelle. Unter die „Hals-, Lungen- und Brustkrankheiten“ fielen Halsgeschwür, Lungensucht (also Tuberkulose), Lungenentzündung, Lungengeschwür, Dampf (eine Bezeichnung für Atembeschwerden), Karthar und Husten; des Weiteren Auszehrung, Brustapostem, Blutspeyen und Stickfluss, womit Asthma oder ein Lungenödem gemeint waren.

Die „Nerven- und Gliederkrankheit“ ist nicht weiter unterteilt. „Krankheiten des untern Leibes“ umfassten Gelbsucht, Erhärtungen, Wassersucht (also Ödeme), Gedärmentzündung, wie eine Blindarmentzündung genannt wurde, Kolika, Brüche und Ruhr. „Fieber mit Ausschlag“ teilte sich in Hitzig Gallfieber (also Typhus), Faulfieber, Petetschen, was eine Bezeichnung für eine pockenartige Krankheit war, Blattern, Scharlachfieber sowie „Roth und weißer Frießel“, womit Fieber mit Ausschlag im weitesten Sinn benannt wurden.

In die Spalte „Weibliche Krankheiten“ wurden Krebs, Mutterentzündung – also Gebärmutterentzündung – und Blutsturz eingereiht. Und die letzte Kategorie der Todesursachen sind „Gewaltsame“: nämlich „Selbstmord“, „Unglücksfälle“ und „Von anderen ermordet“.

Abgesehen von den sehr detaillierten Angaben zur Todesursache gibt die Tabelle Auskunft über die Sterbezahlen nach Geschlecht – es verstarben etwas mehr Männer als Frauen – und Religion: Katholiken, Altkatholiken und Juden. Allerdings gibt es zu Letzteren keinen einzigen Eintrag.

Überaus aufschlussreich ist die Kategorie „Alter“. Das Dokument belegt, dass mehr als die Hälfte der Verstorbenen Kinder bis zu sieben Jahren waren. Und wer heute zu den „Best Agers“ gehört, hatte damals nicht mehr viel zu erwarten: „Von 50 abwärts“ lautet die Überschrift dieser Untergruppe.

Der „Titel“ des Blattes steht gedruckt auf seiner Außenseite: „Monatliche Sterbtabelle aus dem Todtenbeschreiberamt der K. K. Haupt- und Residenzstadt Wien von Monat“. Handschriftlich ergänzt wurde es um „Maji 785“, womit 1785 gemeint war.

Wien bestand damals „nur“ aus dem heutigen ersten Bezirk und zählte 50.000 Einwohner. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Stadtmauern abgebrochen, bald darauf die Vorstädte und noch später die Vororte in die Stadt integriert.

Das Totenbeschreibamt war primär für die Totenbeschau und das Ausstellen der Totenscheine zuständig. In Wien gab es wahrscheinlich schon im 16. Jahrhundert eine solche Einrichtung. 1942 wurde sie aufgelöst. Letzter Standort des Totenbeschreibamts war für ein knappes Jahrzehnt die Zentrale der Gemeinde Wien – Städtische Leichenbestattung, heute die Bestattung Wien, in Wien 4, Goldeggasse 19.

Text: Helga Bock, Abbildung: B&F Wien/Harringer