Objekt des Monats November 2018

Hausanschlagzettel Bestattung Concordia

Hausanschlagzettel
Inv.Nr. BFM-288
Papier, bedruckt, Buntstift, Bleistift
10 x 14 cm
Wien, um 1900

An die Herren Hausbesorger und Portiers des III. Bezirkes!
Wiener Leichenbestattungs-Unternehmung
"CONCORDIA"
Filial-Leichenaufnahms- und Anmeldungs-Kanzlei
III. Bez, Hauptstrasse 60
Ecke der Hauptstrasse und Rochusgasse.

Die Herren Hausbesorger und Portiers des III. Bezirkes werden ersucht, eintretende Todesfälle sofort in dieser Filial-Anmeldungs-Kanzlei anzuzeigen. Sobald die Unternehmung über eine solche Anzeige die Bestellung auf das Leichenbegängnis erhält, so zahlt dieselbe durch den Unterfertigten
falls das Leichenbegängnis nach der I. Classe fl.25,–
" " " " "                                              II. "         fl. 13,–
" " " " "                                             III. "         fl. 17,–
" " " " "                                             IV. "         fl. 14,–
" " " " "                                              V. "         fl.12,50
" " " " "                                             VI. "         fl. 11,25
an den Anmelder baar aus.
A. Blank, Mitglied der Wiener Leichenbestattungs-Unternehmung „Concordia“.
Wenn das Geschäft geschlossen, III., Rochusgasse 3, 1. Stock links.

1867 wurde das erste private Bestattungsunternehmen in Wien gegründet: die Entreprise des Pompes Funèbres. Davor waren die Glaubensgemeinschaften für den letzten Weg zuständig. Ein Jahr später schlossen sich in Wien und Umgebung tätige Leichenbesorger zur Bestattung „Pietät“ zusammen.

Aus dieser Gesellschaft traten aber bald Mitglieder aus und machten sich selbständig: unter anderem der Metallsargfabrikant Alexander Matthias Beschorner. 1870 erhielt er die Bewilligung zur Gründung des Leichenbestattungsunternehmens „Concordia“.

In den 1890er-Jahren gab es schon über 80 Bestatter in Wien. Das führte zu einem unschönen Konkurrenzkampf. Bis zu sechs „Agenten“ warteten oft nächtelang in einer Gaststätte nahe der Villa vermögender Wiener, wo sich ein Sterbefall ankündigte. Um im richtigen Moment vor Ort zu sein, den Auftrag für das „Leichenbegängnis“ zu bekommen und eine Prämie des Bestatters zu kassieren.

Genau eine solche versprach der 10 x 14 cm große Hausanschlag der „Concordia“ Hausmeistern und Portieren, die auf einen (kommenden) Todesfall hinweisen konnten – aber nur, wenn die "Concordia" das Begräbnis auch organisierte. Diese Provision war nach Bestattungsklassen gestaffelt. 1,25 Gulden wurden für die niedrigste 6. Klasse bezahlt, 25 Gulden, also 20 Mal so viel, für die 1. Klasse.

Die „Concordia“ hatte damals mehrere Filialen in Wien, unter anderem im 3. Bezirk. Das hier vorgestellte "Objekt des Monats" nennt die Adresse "Landstraße 60", heute die Landstraßer Hauptstraße 60/Ecke Rochusgasse. Unterzeichnet ist der Aufruf von A. Blank. „Nr. 60 ist Anna Blank“, ist zudem handschriftlich auf dem Blatt vermerkt. Wahrscheinlich hat sie um 1900 die Filiale in Wien 3 geleitet.

Schon vor 1900 wurde die Idee diskutiert, die Bestattungsbranche zu kommunalisieren: um die Bestattungskosten niedrig zu halten und das Unwesen des „Körberlgeldes“ abzuschaffen. 1907 schließlich kaufte die Stadt Wien um 2,350.000 Kronen die beiden größten Bestatter, die Entreprise des Pompes Funèbres und die Concordia.

Sie fusionierte sie und der neue kommunale Anbieter nahm unter dem Namen "Gemeinde Wien – Städtische Leichenbestattung" am 1. Juli 1907 den Betrieb auf.  Heute heißt dieses über 100 Jahre alte Traditionsunternehmen Bestattung Wien GmbH und ist eines der größten Bestattungsunternehmen Europas.

Text: Helga Bock, Abbildung: B&F Wien/Bestattungsmuseum