Objekt des Monats September 2018

Innenhof der Bestattung Wien, um 1910

Innenhof der Bestattung Wien
Archiv Bestattungsmuseum, Box Goldeggasse, Nr. 7
Fotografie auf Karton
16,2 x 22,3 cm
Um 1910 (?)
Fotograf: J. Perscheid, Wien

Das Foto zeigt den Betriebshof der  Gemeinde Wien – Städtische Leichenbestattung, der heutigen Bestattung Wien, in Wien 4, Goldeggasse 19, in den 1910er-Jahren.

1907 war die kommunale Bestattung gegründet worden. Dazu hatte die Stadt die zwei größten Wiener Bestattungsunternehmen – die Entreprise des Pompes Funèbres und die Concordia – gekauft, fusioniert und unter dem neuen Namen "Gemeinde Wien – Städtische Leichenbestattung" den Betrieb aufgenommen.

Der gesamte Besitz der Vorgängerunternehmen war übernommen worden: Gebäude, 21 Filialen in ganz Wien, Warenlager, Inventar, 103 Pferde – hauptsächlich Schimmel und Rappen –, und der Fuhrpark. Auch 278 Bedienstete vom Bürodiener bis zum Kutscher behielten ihren Arbeitsplatz.

Die Verwaltung wurde im abgebildeten Gebäude konzentriert, von 1867 bis 1907 Hauptsitz der Entreprise des Pompes Funèbres. Dort befanden sich auch Stallungen und Garagen.

Zwei Prachtleichenwägen, 20 Glaswägen, 41 Säulenwägen (unverglaste Kutschen) und 29 Fourgons waren 1907 im Bestand verzeichnet. Außerdem weitere Fuhrwerke wie Blumenwägen, Trauerkutschen, Stellwägen und Sammelwägen. Einen Teil davon zeigt das Objekt des Monats.

Links ist eine Reihe so genannter Glaskutschen platziert. Im Vordergrund rechts findet sich ein Sammelfourgon zum Transport von acht Särgen, dahinter stehen drei kleine Fourgons. Diese Kastenwägen dienten für den Totentransport ärmerer Bestattungsklassen. Hinter den Fourgons ist ein "Blumenwagen" für Kranztransporte erkennbar.

In der Mitte des gepflasterten Hofes stehen der Große Prachtwagen – eine aus höfischem Besitz stammende Trauerkutsche für die Prachtklasse –, sowie eines der ersten Autos des städtischen Bestattungsunternehmens. Es diente aber nicht dem Totentransport, sondern fuhr Aufbahrungsgegenstände und Mannschaften. Die tatsächliche „Automobilisierung“ der kommunalen Bestattung erfolgte erst in den 1920er-Jahren.

Das Foto wurde vom Haupthaus der Bestattung Wien nach Süden, in Richtung Weyringergasse, geschossen. Fotograf war "J. Perscheid, Wien III/2, Paracelsusgasse 6, Telefon Nr. 43944", so der Stempel auf der Rückseite des Fotos. Josef Perscheid, Pressefotograf, war vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin tätig, während des Kriegs im österreichischen Kriegspressequartier, und danach in Wien, wo er 1942 verstarb. Somit ist die Aufnahme wohl nicht wie publiziert "um 1910" zu datieren, sondern gegen Ende der 1910er-Jahre. 

Bis 2013 hatte die Bestattung Wien ihren Hauptsitz an der Adresse Wien 4, Goldeggasse 19. Dann übersiedelte sie nach Wien 11, Simmeringer Hauptstraße 339, gegenüber dem Hauptportal des Wiener Zentralfriedhofs. Das abgebildete Grundstück wurde verkauft, das Gebäude geschliffen. Auf der Fläche entstanden ein Wohnhaus sowie Stadtvillen.

Text: Helga Bock, Abbildung: B&F Wien/Bestattungsmuseum