Objekt des Monats Juli 2018

Objekt Juli 2018 Kinderparte

Parte "Willibald" 
Inv.Nr. BFM-347
Druck auf Papier
23,3 x 29 cm
Wien, 1937
 

Von tiefstem Schmerze gebeugt geben die Unterzeichneten allen Verwandten und teilnehmenden Freunden Nachricht von dem Hinscheiden ihres innigstgeliebten, unvergeßlichen Sohnes

Willibald

welcher Dienstag, den 30. März 1937, um 15 Uhr 15, nach kurzem Leiden im 9. Lebensjahre selig in dem Herrn entschlafen ist.

Die entseelte Hülle des teuren Verblichenen wird in der Aufbahrungshalle des Meidlinger Friedhofes aufgebahrt, am Freitag, den 20. März 1937, um 10 Uhr, feierlich eingesegnet und sodann auf demselben Friedhofe nach nochmaliger Einsegnung im eigenen Grabe zur ewigen Ruhe bestattet.

Die heilige Seelenmesse wird Donnerstag, den 9. April 1937, um 8 Uhr, in der Pfarrkirche Gatterhölzl (12, Hasenhutgasse) gelesen.

Wien, am 24. März 1937.

Anna und Franz Borg.

Ges. gesch. Photo: Franz Huber, Wien 6, Hofmühlgasse 7a, Telephon A-30-9-11

 

So lautet der Text für die Sterbeanzeige eines Kindes aus dem Jahr 1937. Auf den ersten Blick wirkt die Parte, wie solche Dokumente in Wien genannt werden, nicht ungewöhnlich.

Kinderparten hatten häufig einen blauen Rand. Diese Alternative zur Trauerfarbe Schwarz hatte sich in Wien mit der Gründung privater Leichenbestattungsunternehmen ab 1867 entwickelt: für Kinder, Jugendliche und Unverheiratete. Neben Parten mit blauem Rand gab es blaue Schärpen für Sargträger, blaue Bahrtücher und blaue Kinderleichenwägen.

Liest man die Todesanzeige, deren „Textformeln“ jenen der Zeit entsprechen, genauer, fällt ein „Fehler" auf. So ist das Sterbedatum mit 30. März angegeben, die Beisetzung aber mit 20. März – also zehn Tage vor dem Tod. Datiert ist die Parte mit 24. März 1937 und somit vier Tag nach dem Begräbnis.

Noch könnte sie als Einladung zur Seelenmesse am Donnerstag, 9. April 1937, gedacht gewesen sein, worauf das Dokument ebenso verweist. Doch die Unstimmigkeiten setzen sich, wenn auch nicht so offensichtlich, fort: Denn der Tag der Seelenmesse fiel nicht auf einen Donnerstag, sondern einen Freitag. Der genannte Tag des Begräbnisses wiederum, der 20. März 1937, war kein Freitag, sondern ein Samstag.

Auch eine Recherche zu Willibalds letzter Ruhestätte, die Parte nennt den Meidlinger Friedhof, ist erfolglos: Die elektronische Grabsuche auf www.friedhoefewien.at hat keinen Eintrag zu einem Willibald Borg – weder auf dem Meidlinger Friedhof noch einem anderen Friedhof in Wien. Ja, sie listet überhaupt keine Verstorbenen namens Borg in Wien auf.

Die analoge Suche in den Grabbüchern des Meidlinger Friedhofes ist ebenso unergiebig – obwohl diese dicken Bände, die jeder Wiener Friedhof besitzt, teilweise dichtere Informationen als die Plattform der Gräbersuche enthalten. "Falsch" ist zudem die Adresse der genannten Pfarrkirche: Sie befindet sich nicht in der Hasenhutgasse, sondern der nahen Hohenbergstraße.

Ungewöhnlich ist auch die Fußzeile des Dokuments, die auf das gesetzlich geschützte Foto und den Fotografen verweist. Üblicher Weise werden an dieser Stelle der mit der Trauerfeier beauftragte Bestatter sowie die Druckerei genannt, die die Parte fertigt. Beides fehlt hier.

Und das Foto selbst? Sterbeanzeigen zeigten damals selten ein Bild des oder der Verstorbenen. Kann das androgyne Kind mit dem in den 1930ern nicht mehr modernen Bubikopf Willibald sein? Oder handelt es sich bei "Willibald" um eine Fiktion?

Tatsächlich findet sich in der umfangreichen Partensammlung des Bestattungsmuseums eine weitere blau gerahmte Kinderparte mit identem Foto im kreisrunden Layout: für die 1936 verstorbene "Minnerl". Diese Todesanzeige versammelt eine ähnliche Fülle an Unkorrektheiten wie die hier vorgestellte.

Die Frage, wozu beide tatsächlich gedient haben – als Muster-Sterbeanzeigen? – lässt sich auch mit Hilfe von Minnerls Parte nicht hinreichend beantworten.

Text: Helga Bock, Abbildung: B&F Wien/Bestattungsmuseum