Objekt des Monats Oktober 2017

Bahrtuch der Prachtklasse

Bahrtuch der Prachtklasse
Inv.Nr. BFM-15
Tuch, Samt, Seidenstickerei
270 x 349 cm
Anf. 20. Jh.

Schon im Mittelalter wurden Särge bei Aufbahrung und Trauerzug mit einem Bahrtuch bedeckt. Abgeleitet ist der Begriff von der Bahre, also der Trage, mit der die Verstorbenen transportiert wurden.

Das Tuch hatte sowohl einen dekorativen Zweck wie auch einen praktischen:  die Trauernden vor unangenehmen Gerüchen zu bewahren. Zudem sollte das große Kreuz in der Mitte den Toten vor Dämonen schützen.

Stoff und Farbe, Form und Größe der Bahrtücher waren durchaus verschieden beziehungsweise änderten sich im Lauf der Zeit. Bis ins 17. Jahrhundert dominierten bei den Zünften prächtige Farben und die Ornamente der jeweiligen Berufsvereinigung. Auch der Adel besaß kostbare Bahrtücher. Danach setzte sich in den Städten das schwarze Bahrtuch – meist mit Goldfäden bestickt – durch.

Dieses Bahrtuch der Prachtklasse aus dem beginnenden 20. Jahrhundert ist hingegen rein schwarz. Auf das schwarze Tuch wurde mittig ein Kreuz aus schwarzem Samt appliziert, eine Borte sowie Fransen zieren die Außenkante.

Die üppige schwarze Seidenstickerei zeigt Ranken und Blätter, Kreuze und Blumen. Letztere, Margeriten ähnlich, sind nur teilweise geöffnet. Und die Knospen scheinen schon verblüht zu sein – als Sinnbild für ein Dasein, das zu früh zu Ende ging. Aber auch reichlich Efeu ist über das Tuch „gestreut“: Die immergrüne Pflanze gilt als Symbol für das ewige Leben.

Die 1907 gegründete Gemeinde Wien – Städtische Leichenbestattung bot laut ihrem aus den Anfangsjahren stammenden "Zeremoniell und Tarif für Aufbahrungen und Leichenbegängnisse“ fast ein Dutzend Bestattungsklassen an, an deren Spitze die Prachtklassestand stand. Für sie waren die ausschließliche Verwendung der Farbe Schwarz charakteristisch und solche Bahrtücher typisch.

„Sämtliche Funktionäre, Dienerschaften und Mannschaften erscheinen in reichster Trauer-Livree der Prachtklasse, ganz schwarz. Der kunstvoll gearbeitete Wagen, die Beschirrung der Pferde sind bei aller Pracht dem Akte entsprechend vollständig schwarz.“ Neben vielen weiteren Angebotsteilen werden „8 Rappen in den Prachtgeschirren“ sowie „das Bahrtuch, schwarz in Schwarz gestickt, der Pracht-Klasse“ genannt.

Heute kommen bei der Bestattung Wien  im Allgemeinen schwarze Bahrtücher mit silbernen Sternen zum Einsatz. Es gibt aber auch mehrere Sondermodelle. Und bei großen Trauerfeiern werden manchmal sogar die historischen Bahrtücher benutzt.

Text: Helga Bock, Abbildung: B&F Wien/Bestattungsmuseum