Objekt des Monats Dezember 2016

Entwurf Krematorium Wien-Simmering, Clemens Holzmeister, 1922

Entwurf Krematorium Wien-Simmering
Inv.Nr. BFM-379
Federzeichnung auf Transparentpapier
26,5 x 68,5 cm
Blatt Nr. 69 (unbekanntes Konvolut)
Signiert Arch. Clemens Holzmeister 1922

Am 17. Dezember 1922 wurde die Feuerhalle Wien-Simmering als erstes österreichisches Krematorium eröffnet. Es gilt als Österreichs bedeutendster expressionistischer Bau. Der Entwurf stammt von Clemens Holzmeister (1886-1983) und war für den Architekten der berufliche Durchbruch.

Obwohl Holzmeister im Wettbewerb nur den dritten Preis gewonnen hatte, wurde sein Projekt umgesetzt: weil er das nahe gelegene Schloss Neugebäude am besten berücksichtigt hatte. Seine Federzeichnung zeigt das Krematorium inmitten einer mauerumgrenzten Freifläche. Diese war ursprünglich Teil des Schlossparks.

Auch die Rundtürme in der Mauer gehen auf die herrschaftliche Anlage aus dem 16. Jahrhundert zurück. Holzmeister griff in seinem Entwurf für die Feuerhalle Motive des Schlosses wie Türme und Zinnen auf.  Das Schloss Neugebäude, zur Entstehungszeit weit außerhalb Wiens gelegen, war der größte Bau des Manierismus nördlich der Alpen und bildete mit seinem Garten ein Gesamtkunstwerk.

Das Krematorium in Wien-Simmering wurde nach einem langen Kulturkampf 1922 eröffnet. Die erste eingeäscherte Person war eine Altkatholikin. Die Feuerbestattung, im vorchristlichen Europa üblich und unter Kaiser Karl dem Großen verboten, wurde ab dem 19. Jahrhundert wieder diskutiert. Der Vatikan sprach sich dagegen aus, liberale Kreise und die Arbeiterbewegung dafür. 1964 erlaubte die Katholische Kirche Gläubigen die Einäscherung. In den Folgejahren wurde das Krematorium von Holzmeister erweitert. 

Um die Feuerhalle liegen die Urnen-Gräberfelder des Friedhofs Feuerhalle Simmering. Heute reichen sie bereits über die im Holzmeister-Entwurf sichtbaren Schlosspark-Mauern hinaus. In die Mauern selbst sind Kolumbarien eingelassen. Auch Bestattungen in Baum-, Strauch- und Rasengräbern sowie im Urnengarten sind auf diesem Friedhof möglich. 

In Wien wird aktuell – bei steigender Tendenz – etwa ein Drittel der Verstorbenen eingeäschert. Dieser Wert liegt unter dem österreichischen Durchschnitt und weit unter jenem Deutschlands.

Krematoriums-Architekt Clemens Holzmeister, ein gebürtiger Tiroler mit brasilianischer Staatsbürgerschaft, war nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland, Brasilien und der Türkei tätig. In Ankara etwa errichtete er den Regierungssitz für Staatsgründer Kemal Atatürk. 

Text: Helga Bock, Abbildung: B&F Wien/Bestattungsmuseum